Musterdorf mein Musterdorf2017-06-26T08:04:11+00:00

Project Description

Ganz Dedelow wurde eine Aktiengesellschaft.

Musterdorf mein Musterdorf

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Das ehemalige sozialistische Musterdorf Dedelow – ein Ort, der das Leben in der DDR aktiv konserviert und heute erfolgreich wirtschaftet. Ganz Dedelow wurde eine Aktiengesellschaft. Stolz sehen die Dedelower sich selbst in den alten Filmen beim Aufbau des Dorfes. Der Film zeigt liebevoll ironisch den Mikrokosmos einer gegenwärtigen Vergangenheit.

Regie: Marie-Ulrike Callenius
Genre: Dokumentarfilm
Dauer: 80 min. | 52 min.
Format: DigiBeta

Jahr 2002
Buch | Regie Marie-Ulrike Callenius
Kamera Marcus Winterbauer
Ton Boris Jöns
Musik Peter Roloff
Schnitt Marie-Ulrike Callenius, Frank Behnke, Irina Hoppe Coproduktion maxim film mit ORB und SFB
Redaktion Birgit Mehler (ORB), Jürgen Tomm (SFB)

Auszug aus dem Projektbuch, 2001
Autorin: Marie-Ulrike Callenius

I.
Es ist Juni in der Uckermark und ich bin auf einem Dorffest in Dedelow. Auf dem Plakat am Eingang steht: „Kuh-Treiben“. Ich stehe an einem großen freien Feld – ein quadratisches Spielfeld. Dahinter sieht man die Silos der Milchviehanlage mit 3.700 Kühen, die größte in der Region, manche sagen in Deutschland oder sogar in Europa! Durch diese Anlage wurde das kleine Dorf etwas besonderes, es kamen viele Leute her und das Dorf wurde mit überdimensionalen Eifer ausgebaut, erweitert und ausgestattet. Ich bin hierher gefahren um zu sehen, ob es die Triebkräfte, die das Dorf aufgebaut haben, noch gibt, ob die Dedelower über einen besonderen Ehrgeiz verfügen und sich anders behaupten können als die Leute in anderen Dörfern, dieser verschlafenen Region. Ich stehe an dem leeren Feld, das der Mittelpunkt des Festes ist und betrachte die einzelnen Quadrate des Spielfeldes die mit Strohhäufchen voneinander getrennt sind. Ich denke an Barbara, die sagt, für viele rituelle Feste werden Räume und Zusammenhänge ganz einfach dargestellt; man legt einen Zweig hin und sagt – hier ist ein Tor, ein Weg oder eine Grenze. Die Gemeinschaft der Feiernden ist sich über die symbolische Räumlichkeit einig. Der Beobachter jedoch muß herausfinden, wo sich diese virtuellen Wege und Tore befinden. Ich gehe über den Festplatz in Dedelow und überlege, wo sich hier Zeichen oder Symbole für die Bedeutung dieses Festes finden ließen. Hier werden keine Kühe getrieben, die Kühe der Großviehanlage verlassen diese niemals. Kinder verkaufen ihre Matchboxautos, ein Imker, Los -und Schießbuden, eine aufblasbare Hopsburg, ein „alternativer Käsestand“, jemand verkauft Sonnenbrillen und Schirmmützen, Würstchen, Kartoffelpuffer und Bier. Ich sehe Kinder, die aussehen als würden sie am Mastfutter der Kühe teilnehmen. Sie sind bewaffnet mit aufblasbaren Gummi-Keulen. Die Keulen sind entweder schwarz, rot, gold oder in den Farben der amerikanischen Flagge. An den Losbuden gibt es riesige Stofftiere in pink, lila und gelb. Zwei Frauen sind als Clowns verkleidet. Eine mit einer gelben,die andere mit einer rosa Perücke. Sie leiten lustlos einen Stuhltanz mit Kindern an. Einer der Höhepunkte des Festes ist ein Melkwettbewerb. Unterhalb eines Tisches sind zwei Gummi-Euter montiert, von oben wird Wasser eingegossen und innerhalb einer bestimmten Zeit muß soviel wie möglich davon abgemolken werden. Die Damen werden extra bewertet – eine große chinesische Bodenvase winkt! Den ersten Platz erhält ein Kollege aus dem Stall – ein Profimelker. „Das ist das letzte Mal!“, sagen die Preisrichter, „er sahnt hier jedes Mal ab!“ Eine Frau von der Uckermärker Lokalpresse macht ein paar Fotos. Vor dem WUP-Markt (Ware Unglaublich Preiswert) gibt es eine kleine Modenschau. Die Kinder der Verkäuferinnen – Kevin, Mandy, Cindy und Roger – führen die Sommerkollektion vor. Diesmal keine Minimonster – Adidas im Normalmaß – „hier ein schönes Freizeitkleid – alles hier im WUP-Markt, hier in Dedelow zu haben…“ sagt der Moderator und blendet wieder Musik ein. Der Laufsteg ist ein altes Stück Auslegware in beige, an den Seiten und am Rücken hängen die Preisschilder der Kleidungsstücke an den Kindern herunter. Ich überlege, ob das eine symbolische Modenschau ist. Ich sehe den Automonteur wieder, er ist beim Pflaumenkuchenkaufen mit seiner Familie. Er wird überall gegrüßt – eine Instanz im Dorf ? „Jetzt läuft er wieder, wie ein Schweizer Uhrwerk“, sagte der Mechaniker, nachdem er drei Stunden an meinem Motor gearbeitet hat. Ich war damals das erste Mal in Dedelow und habe in der Gaststätte mit dem riesigen Bauernfries am Eingang gewartet, um weiterfahren zu können. Später habe ich Dedelow im Internet wiedergefunden. Dorfchronik, Heimatseiten, das „KuhTreiben“, die Milchquote – viele Seiten über dieses Dorf in der Uckermark, von dem es bereits zahlreiche Dokumente gab. In den 70er Jahren hatte man beschlossen, hier das Musterdorf Dedelow zu errichten, und künftig gab es zu jeder Rübenernte einen Bericht für die Nachrichten, Margot Honecker wurde in Dedelow aufgenommen, als sie in der Polytechnischen Oberschule eine Ansprache hielt, sowjetische Maler kamen für ein paar Wochen zu Besuch, und es kamen jede Menge in- und ausländische Delegationen, denen das Dorf präsentiert wurde. Jetzt im Juni 1999 dreht hier niemand mehr einen Bericht. Obwohl der Festveranstalter der Agrargesellschaft zu mir sagt, sie könnten das so gut gebrauchen, ein bißchen mehr Öffentlichkeit. Später treffe ich einen anderen Mann, der mir sagt, hier könnte alles viel besser aussehen, wir haben doch alles – einen See und Wald, aber hier sind immer noch die alten am Ruder, und die haben keine Ahnung. Das „Kuh-Treiben“ nähert sich seinem Höhepunkt – dem Kuhfladenroulette, daß auf dem freien Feld statt findet. Zwei Kühe werden in das abgezäunte Feld geschoben und das „beschissene Feld“ gewinnt. „Diesmal haben sie die Kühe früher aus dem Stall geholt, letztes Mal waren sie so erschrocken durch das Licht, daß sie nur stehengeblieben sind – und kein Kuhfladen fiel. Die sehen ja nie im Leben Licht!“, erzählt mir eine Frau.

II.
Ich sehe ein Stück Straße und die Weiden und ich höre die Band „Herbst in Peking: „Sag Himmel, auch wenn keiner ist, sag Himmel…“ Herr Zitzmann sitzt in seiner Veranda mit den vielen Figürchen und Rüschen. Er erzählt vom Hörsaal der Landwirtschaftsakademie in Dedelow – „Ein richtiger Hörsaal mit schrägen Sitzreihen!…“ Schrauben am Melkkarussel, wie das Innenleben einer Schreibmaschine, und trotzdem verstehe ich nicht, wie sich etwas bewegt. Herr Zitzmann sagt, er kannte die Schrauben beim Vornamen, ihm konnten sie da nichts Neues mehr erzählen, trotz Hörsaal! Schräge Bilder, hoher Horizont – und die Glatzen im Dorf ? Mit einem Zoom etwas nah machen, das weit weg ist. Eine Kamera vor einen Mähdrescher binden und zusehen, wie er sich einfrißt in das Feld. Ich denke an die Augen der Bäuerin auf dem gemalten Fassadenfries an der Gaststätte am Tanger: „Junkerland in Bauernhand“ steht auf einem Denkmal im Nachbardorf.

III.
Ich fahre nach Dedelow und will ein paar Fotos machen, es ist kein Fest und Dedelow ist wie ausgestorben. Herr Neumann im Jankerl vom Möbelhaus „Schöner Wohnen“ stürzt sich auf mich. Er hat so schlechte Erfahrungen gemacht, und seine Versicherung wird ihn wieder hochstufen. Sehe ich aus, als ob ich ein Möbelhaus überfallen möchte? Er erzählt mir, daß er das Geschäft schon acht Jahre hat und er kann nicht genau sagen, ob es sich lohnt. Die politischen Verhältnisse sind nicht so, daß die Leute sich Möbel kaufen, sagt er und er kann das verstehen und er würde das auch nicht machen. Vor ein paar Tagen war die Verhandlung von zwei Rechtsradikalen in Neubrandenburg, die in Dedelow einen Italiener niedergestochen haben. Ich möchte nicht in diese Nähe kommen. Ich will nicht, daß es so aussieht, als ob ich deswegen nach Dedelow gekommen bin. Kann ich hier überhaupt einen Film machen, mit der Angst im Nacken, der Schere im Kopf – keine Glatze im Bild? IV. Ich lerne Herrn Uecker kennen, er ist Mitglied im Uckermärkischen Geschichtsverein und moderierte einen der drei Busse, die für das „Prenzlauer Treffen“ Senioren nach Dedelow zur Besichtigung der Milchviehanlage fuhren. Seine Frau kommt aus Dedelow und er rät mir, ich soll zum Wirt „Zur schiefen Kurve“ gehen, der kennt alle. Herr Uecker sagt, es gibt ja kaum noch alte Dedelower. Der schlechte Ruf eilt diesem Dorf voraus. „Das war wieder ein gefundenes Fressen, die negativen Schlagzeilen bei dem Überfall auf den Italiener – die Kinder aus dem Musterdorf der DDR…- dabei waren es gar keine Dedelower, sondern sie kamen woanders her.“ Die Schwarzbunte und Tausend Hektar Mais – ich bin auf der 3775-Milchviehanlage und ein Mitarbeiter erklärt vor einem Grundriss: Verwaltungsgebäude, Sozialgebäude, Umkleideräume, Landwirtschaftsanpassungsgesetz, 1024 Anteilseigner, Aktiengesellschaft, Kälber, Jungrinder, Milchquote, Weizen, Erbsen, Raps und Zuckerrüben. V. Vor ein paar Tagen war ich im Rundfunkarchiv und habe den Filmbeitrag „Von Kamtschatka nach Dedelow“ gesehen, das Fernsehen der DDR sendete ihn am 8.Januar 1972 in der Reihe „Dorf modern“. Ein Reporter führt eine Umfrage auf dem Alexanderplatz durch – „Wie stellen Sie sich ein modernes Dorf vor?“ Passant: „…Häuser alle in einer Reihe…“ Frau: „…muß erstmal einen Kulturpalast haben, LPG, Bürgermeister…“ Mann: „…Dienstleistungen…“ Eine andere Frau: „…ein Theater sollte es geben, moderne Bauten sollen da sein, nicht zu modern. Gaststätten – damit nicht jeder kochen muß und seine Freizeit maximal ausnutzen kann und die Hausarbeit erleichtert wird. Bilden sollte man sich können.“ Ein anderer Mann sagt: „Die Errungenschaften der Städter sollen den Leuten auch zugute kommen.“ Der Kommentator sagt: „…Sowjetische Maler besuchen das Dorf Dedelow, verdiente Künstler des Volkes …einer von ihnen kommt sogar aus Kamtschatka. “ Ein Maler vor den Silos in Dedelow an seiner Staffelei. Kommentator: „Wir fragten ihn – Was gibt es hier besonderes zu entdecken?“ Der Maler antwortet (Text wird Synchron eingesprochen): „Sehen Sie, für uns Künstler gibt es immer neue Eindrücke, wenn wir an einen anderen Ort kommen. Unsere Reise hierher eröffnete uns vieles Neue in der Landwirtschaft. Mir gefällt vor allem sehr gut die Milchviehanlage. Beeindruckt hat mich auch der Arbeitsenthusiasmus, aufgefallen ist mir hier, mit welcher Liebe und Freude die Menschen an die Arbeit gehen.“ Nahaufnahme Pinsel auf Bild, Traktor durchs Bild, Kreuzung mit Kind. Durch ein Rombenbetongitter Einstellung auf Wohnneubauten. Großaufnahme Schilder „PGH Modische Linie“, „Damen- und Herren-Salon“, „Dienstleistungen“, …Schwenk über die Fernsehantennen auf den Flachdächern der Häuser. Kommentator: „Zu dieser Tageszeit ist das Dorf wenig belebt, Schichtwechsel ist erst wieder um 18 Uhr…“ Ein weiterer sowjetischer Maler wird gezeigt: „Jeder möchte sein Motiv entdecken, mich hat überrascht, daß der Charakter städtisch ist. Ich habe Lebensfreude hier gefunden, und ich habe die Stadt im modernen Dorf gefunden.“ Der Maler mit einer Gruppe Junger Pioniere am Schuleingang. Kommentator: „Natürlich wurde auch von der Tundra und den Renntieren erzählt…“ Der Maler hebt ein Kind auf den Treppensims und zeichnet es. Später wird eine weitere Bleistiftzeichnung eingeblendet, es ist Friedrich Clermont, der LPG- Vorsitzende, dazu der Maler aus dem Off: „Er hat uns wunderbar geholfen, hat uns bewirtet und hatte sogar einen Samowar.“ VI. 30°C im Schatten – die Freiwillige Feuerwehr weist die Besucher in die Parkplätze ein, es ist Flugplatzfest in Dedelow im Juli 1999. „Nette junge Leute“ – sind das Dedelower Jugendliche? Sind das überhaupt Dedelower? Ich spreche einen älteren Mann mit hervorstehenden Augen und goldenen Zähnen an – er ist mit seinem Freund hier und will mir um 10 Uhr morgens ein Bier spendieren. Gut, dann trinkt er meines eben mit. Er ist nicht direkt aus Dedelow, sondern aus einem der umliegenden Dörfer. Er erzählt mir voller Stolz – er sei auch geflogen. Ich frage ihn, ob er das Dorf und sein Haus von oben sehen konnte. Er erzählt mir, er wollte das Hakenkreuz sehen, in der Landschaft. Das haben die Nazis hier angelegt. Aus verschiedenen Bäumen – Lärchen und so. Das weiß doch hier jeder. Man könne es aber nicht richtig erkennen. Der Seniorchef vom Flugplatz mit seinen Freunden – ist das die alte Elite? Sonnengebräunte Herren in sportlichem Outfit. Sie unterhalten sich fachmännisch über die Flieger. Sie sagen: „Fast wie früher…“ Flugzeuge, Fallschirmspringer, Hubschrauber. Loops und doppelte Loops und so weiter, ich denke an die vielen Unfälle bei Flugshows und orte Fluchtwege. „Jetzt können Sie noch mal dem Deutschen Meister im Kunstfliegen Klaus Schrodt zuwinken. Jetzt kann er Sie sehen! Winken Sie ruhig noch einmal, er freut sich!“- sagt der Moderator ins Mikro.

VII.
Ich fahre ins Archiv des Geschichtsvereins in Prenzlau und sehe eine Literaturliste durch. Es gibt nicht viel über Dedelow. In einem historischen Ortslexikon von 1904: Jungslawische Siedlung, durch Gutsbildung deformiertes Straßendorf, Kriegsentschädigung der Pommernherzöge für ihre Vasallen. Vogt Henning Sack und sein Bruder Sander erhalten D. mit 60 Höfen … 2 Mühlen beim Dorf …1 Pachtmüller mit einem Rad beim Dorfe, 1 Hirte, 1 Schmied, … 6 Paar Hausleute, 1 einzelne Person, 2 Pachtschäfer, 1 Hirte ohne Vieh, … 34 Knechte, 20 Mägde, … 37 Feuerstellen, 1 Prediger, 1 Lehrer, Stiftsdame und ein Fräulein von Klützow auf Schloß D., 1 Administrator im Gutshof, ein Schäfermeister, 1 Diener. „Herr Schmied, Herr Schmied – was bringt das Julchen mit ? Ein Schleier und ein Federhut…“ Was sind das für Personen die hier auftreten? Hirten, Knechte, Müller – Gestalten aus Kinderversen und Bilderbüchern ziehen an mir vorbei. Diese Bestandsauflistung jenseits aller Ereignisse, das Zählen der Feuerstellen hat eine merkwürdige Anmutung, die Personen haben keine Gesichter und das Leben spielt sich in den Zwischenräumen ab. Was hat es mit der einzelnen Person auf sich? Ich versuche mir das Fräulein vom Schloß und die Stiftsdame mit dem einen Diener vorzustellen. Die Berufsbezeichnungen wandeln sich und Schmiede und Hirten treten nicht mehr auf, statt dessen erscheinen landarme und landlose Bauern, an die das Land aufgeteilt wird, schließlich wird 1952 eine LPG mit 11 Mitgliedern gegründet und später in einen anderen Typ umgewandelt. B. sagt, denen wurden die Daumenschrauben angelegt, in die LPG Typ drei zu gehen, das hieß, sie waren wieder alles los – Ackerland, Vieh und Weiden. Die Neubauern haben das nicht freiwillig gemacht, sagt er. Vertriebene, die grade wieder angekommen waren, Haus und Hof schon einmal verloren hatten. Sie wurden in die Mangel genommen, da kamen die Funktionäre aufs Feld, um Kartoffeln zu roden und zu agitieren. Das historische Ortslexikon zählt weitere Etappen auf – Anschluß der LPG Schönwerder, Falkenhagen, Güstow, Klinkow, Steinfurth und Zernikow, später auch Naugarten. Die LPG wird geteilt in die Pflanzenproduktion und die Läuferproduktion, später errichtet die Akademie hier eine Versuchsstation für Bodenfruchtbarkeit. Im Steintorturm im Stadtarchiv beginnt sich der etwas behäbige ältere Herr in der Ecke für mich zu interessieren: „Sie wollen etwas über Dedelow wissen? Kennen Sie denn den Schulze, das war der letzte Verwalter. Damals war ich ja Lehrling beim Kommis. Und einmal, wenn wichtige Lieferungen kamen, mußte der Schulze ja selbst unterschreiben, gegenzeichnen, da sollte ich mit zu ihm fahren. Die anderen sagten zu mir, wenn du zum Schulze kommst, dann schau dich gut um, das siehst du nicht alle Tage! Der hatte eine Friedrich-Sammlung, und da hing alles voll, Bilder und kleine Gegenstände – ach was da nicht alles war! Kann man gar nicht beschreiben! Das Haus ist ja dann abgebrannt, das alte Gutshaus in Dedelow. Das war dann nach dem Krieg. Das können Sie sich mal merken – Schulze aus Dedelow! Warum Dedelow so etwas Besonderes war? Da war doch der Clermont, von dem haben Sie nicht gehört? Den kennt doch jeder in Dedelow. Clermont – der hat ja da alles gemacht – mit der großen Milchviehanlage und so weiter. Der war ja ZK-Mitglied und da hatte er ja die nötigen Verbindungen. Irgendwann ist er ja dann in Ungnade gefallen und hatte nichts mehr zu sagen. Wohnt der nicht noch dort? Clermont – warum der so einen französischen Namen hat, das weiß ich auch nicht.“ VII. Wieder ein „Kuh-Treiben“ in Dedelow, es ist Herbst und ich rede mit Frau Kunz, die auf dem Fest Bockwürste verkauft. Ich hatte ihre Kollegin aufgenommen, die ein T-Shirt mit der Aufschrift „Kuh-Treiben in Dedelow“ über der breiten Brust trug und es bereitwillig präsentierte. Frau Kunz dagegen weicht zurück und versucht nicht ins Bild zu kommen. Später zeigt sie sich verhalten gesprächig. Sie habe früher die Öffentlichkeitsarbeit für die Milchviehanlage organisiert – ja sie könnte schon erzählen, wen sie alles schon gesehen hätte! Aber nicht hier und nicht jetzt. Typ Kaderleiterin kommt mir in den Sinn, und auch sie betrachtet mich argwöhnisch – wes Geistes Kind ich sei. Ihr Mann ist Vorstandsvorsitzender der Agrargesellschaft, die die Milchviehanlage heute betreibt. Ein roter Baron? – wie „Der Spiegel“ einen Artikel über ehemalige Funktionäre, die heute große Agraranlagen leiten, titulierte ? Ich denke wieder an den Öko-Bauern, der ein paar Dörfer weiter auf die Großviehanlage schimpfte – die treiben die Milchquote hoch, das sind genau dieselben wie früher, da hat sich nichts geändert! Später finde ich im Dokumentarfilmarchiv einen „Augenzeugen“ von 1972: Erich Honecker besucht die Kooperationsgemeinschaft Dedelow im Kreis Prenzlau , Besichtigung des Stausees, Grünfutterernte, Honecker mit Mitarbeitern auf dem Feld. Erich Honecker wird von Bauern in schlecht sitzenden Anzügen herumgeführt. Waren sie für diesen Anlaß angeschafft, geborgt worden – die Anzüge, die Leute? Honecker mit einem Strohhut im Maisfeld. Junge Pioniere überreichen Blumen. Großaufnahme Mähdrescher. Sind das dieselben Dedelower? Ich bilde mir ein, einen von ihnen wieder zu erkennen. Sind sie also nicht geliehen oder sind sie auf Dauer engagiert? Die Kühe dösen bis zur Kuhwette zwischen Strohballen, ich unterhalte mich mit dem Betreuer – einem jungen Mann, der aus Schwedt hierhergekommen ist, weil er das Land liebt und die Tiere. Er kennt die Kühe, die er betreut ganz genau, und auch sie erkennen ihn, wenn er in den Stall kommt, erzählt er mir. „Das hier sind unsere Musterkühe und eine hat vor kurzem sogar einen Preis bekommen und ist „Miß Meckla“ geworden.“ Das Kuh-Treiben geht weiter. Auf der Wiese mit den aufgezeichneten Spielfeldern tanzt eine Country-Gruppe aus Prenzlau mit Cowboyhüten. Es gibt diesmal eine andere Art aufblasbarer Knüppel und außerdem den Hundesportverein, der Hund und Herrchen präsentiert. Herr Soundso baut eben noch an seinem Haus, deswegen hat er nicht so viel Zeit mit dem Hund zu trainieren und er konnte deswegen auch noch keine Prüfung als Schutzhund ablegen – der Moderator informiert umfassend! Wieder gewinnt derselbe Melker das Wettmelken, die Kinder können mit Schubkarren Wettrennen machen und sehr kräftige Männer am „Bierfaßstemmen“ teilnehmen. Hier profiliert sich besonders die Freiwillige Feuerwehr Dedelow. Der Höhepunkt des Festes ist eigentlich die Tombola mit für den Städter dubiosen Gewinnen, ein Sack Weizen, ein Sack Entenfutter, Beerendünger, ein Flaschenöffner, ein Zollstock, eine Trinkflasche, ein Spiegel gestiftet von der Prenzlauer Firma Reflexionen, eine Reise im Werte von 100,- DM – „Wer wird in die Sonne fliegen“ – sagt der Moderator, als das Los gezogen wird. Der Melker sagt, er hätte mich doch schon öfter hier gesehen und ich bin nicht sicher, wer wen beobachtet. VIII. Ich sitze an meinem Schreibtisch: – ein angefangener Brief, Bastelschnur, Negative zum Nachbestellen, Schokoladenreste, ein Zettel von der Kinderbibliothek, eine Bürste – zum Schallplatten reinigen – eine leere Kaffeetasse, ein blaues Irgendwas, das mein Sohn Cyrill auf dem Spielplatz gefunden hat, ein Klebeband, ein Locher, eine Diskette mit einem Fragezeichen, eine Postkarte „Austin at night“, ein Bild von meinem Großvater 1905, ein leerer Umschlag, zwei Kinoprogramme. Nieseliges Novemberwetter – Was sollte das für ein Bild werden – Dedelow – ein fröhliches kleines Dörfchen, das widerständig allen Einflüssen trotzt, Kühe melkt und unerschrocken eine Seite nach der anderen im Internet anlegt? Ich denke an Asterix und die Gallier und ich denke an die Bäuerinnen auf dem Propagandabild – wollte ich einen Agitationsfilm machen? In Erinnerung an meine frühen Einflüsse durch die Pionierorganisation – „Hell scheint die Sonne und weit ist unser Tag, froh ist der Schlag unserer Herzen…“ Am 23. Januar 1975 strahlte das Fernsehen der DDR eine Sendung mit dem Titel: „Die Probleme der Führung des sozialistischen Wettbewerbs“ aus. Friedrich Clermont – der Vorsitzende der LPG Pflanzenproduktion Dedelow und Mitglied des Staatsrates ist einer der Diskussionsteilnehmer, ich bin gespannt auf ihn. Die Diskussionspartner sitzen im Halbrund in einem Studio, in der Mitte die Aufnahmetechnik. Die Teilnehmer werden einzeln vorgestellt und in Großaufnahme gezeigt. Frau Sturm – Komplexleiterin, Kurt Endler – Leiter der KAP Rosenburg, Genosse Manfred Pohl – Parteisekretär in Dahme, Genosse Friedrich Clermont, Herbert Münch aus Dahme und Prof. Dr. Heinz Zacharias von der Agrarhochschule Meißen. Die einzelnen Teilnehmer werden examiniert. „Wie wird der Wettbewerb öffentlich sichtbar gemacht? Was ist der Wettbewerb, Genosse Clermont ?“- fragt der Diskussionsleiter. Clermont führt aus von 02.44.09 bis 03.30.10 In der 6. Minute gibt es eine Großaufnahme von Clermont, in der er schweigt und zustimmend nickt. Es wird über regelmäßige Information der Mitglieder alle 2 Tage geredet, Kampagnen, nicht nur die ökonomischen Kennzahlen sollen genannt werden, sondern auch die Probleme. Frau Sturm erzählt von ihren Erfahrungen, sie werten jeden Tag die Tagesleistung aus und die beste Besatzung bekommt an den Mähdrescher den roten Stern. Man muß mit Lob und mit Tadel arbeiten, sagt Frau Sturm. Ich öffne in meinem Kopf zwei Bildfenster, in einem sehe ich das Big Brother-Studio und in dem anderen den Genossen Clermont in der Diskussion um den Wettbewerb, ich denke über die Ähnlichkeiten nach. Ist das die gleiche Ausstattung, ein ähnliches Konzept, jeder tut und sagt freiwillig was man von ihm erwartet! Vor einer Weile sah ich am Potsdamer Platz eine Werbetafel „Wenn Fototapeten Wirklichkeit werden“ und mich schauderte. Ich habe im Kino den Film von Thomas Brussig und Leander Hausmann angesehen. Meine Generation über die DDR. Es ist mir inzwischen egal, wer an welcher Stelle lacht. Natürlich kann man sich nicht zurückbeamen, die Blickrichtungen der späteren Jahre nicht einfach wegdenken. Ein Bild aus vielen kleinen Puzzleteilen, bei manchen merkt man erst beim Einpassen, daß sie aus einem anderen Bild sind. In Dedelow ist inzwischen der Dorfplatz aufgerissen, die Platten liegen alle fein säuberlich gestapelt am Rand, nur die Plastik mit der gerade in die Zukunft blickenden Gruppe Bäuerinnen und Bauern steht neben einem Haufen Kies in der Mitte. Ich habe mich im Dorf erkundigt, was aus dem Platz werden soll. Es ist noch nicht entschieden, was daraus werden soll, sagen mir die Leute. Niemand weiß, warum schon einmal alles aufgerissen wurde, irgend jemand sagt, die Bürger können Vorschläge machen, was daraus wird, aber niemand weiß davon. Ich denke darüber nach, ob die Dedelower Bürgermeisterin den Gedanken freien Raum schaffen wollte, als sie die Platten entfernen ließ?

Premiere
7. Oktober 2002 – ORB

TV:
ORB – 2002
SFB – 2002
MDR – 2003
HR – 2003
Phoenix – 2003
rbb – 2006

Festivals:
Documentary International Film Festival DOC LISBOA, Portugal 2004
This Land Is My Land, Ausstellung Künstlerhaus Bethanien, Berlin, 2006

Kinopremiere:
Juni 2003, Berlin

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